Heute vor 25 Jahren – #Mauerspecht

Sie hat Geschichte gemacht, diese Pressekonferenz, in der Günter Schabowski de facto die Mauer öffnete.

Wie sehr viele Menschen im Land sah ich diese Pressekonferenz in der Tagesschau am Abend. Damals wohnte ich in Bad Driburg in einem Studienheim und besuchte das dortige Kolleg, um mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg zu erwerben. Schon in den Tagen zuvor waren die Wohn- und Fernsehzimmer des Hauses ungewöhnlich gut besucht. Die Montagsdemonstrationen, die Ausreisen über Ungarn und die Deutsche Botschaft in Prag hatten die Stimmung aufgeheizt. Gerade noch hatte die „DDR“ ihr 40-jähriges groß gefeiert und viel Tamtam um den Sozialismus, den Ochs und Esel angeblich nicht aufhalten konnten, verbreitet.

Dann kam dieser 9. November 1989, ein Donnerstag. Die Pressekonferenz und das große Rätseln, was denn nun wohl passieren wird.

Niemand verließ nach den Nachrichten das Wohnzimmer. Aufgeregte Diskussionen über die Frage, ob das jetzt das Ende der „DDR“ ist oder ob die „DDR“ jetzt ein normaler Staat wird, beherrschten den Abend. Aber auch die Angst, daß doch noch sowjetische Panzer rollen, war durchaus präsent. Wie sich später zeigen sollte, war diese Angst nicht ganz unbegründet.

Bei all dem lief im Hintergrund immer weiter der Fernseher und zeigte Bilder von immer mehr Menschen, die sich in Ost und West an der Mauer versammelten. Diskussionen mit Grenzern, nervöse Stimmung, Bilder die man nie vergißt. Auf einmal öffnet sich ein Schlagbaum und Menschen gehen von Ost nach West über die Grenze. Ich erinnere mich noch an einen Schrei aus vielen Kehlen, der das ganze Haus durchdrang. Dann waren Menschen auf der Mauer, in der gesperrten Zone zwischen Brandenburger Tor und Mauer, plötzlich Bilder von Trabbis, die gen Westen fuhren und von begeisterten Westberlinern empfangen wurde. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, tanzten, jubelten.

Nach einer atemlosen, ungläubigen Stille schlug die Stimmung auch auf uns über. Plötzlich knallte ein Sektkorken. Lauwarme Supermarktbrause sprudelte über Wasserglasränder auf den Teppichboden. Egal! Es fand sich eine Deutschlandfahne und schnell war sie am Fahnenmast hochgezogen, der sonst eher die gelbweiße Fahne trug. Die Nationalhyme erscholl aus gut 50 Kehlen und weil wir katholisch sind natürlich auch „Großer Gott, wir loben dich“. Es war wohl die einzige Gelegenheit in meinem Leben, in der ich das mit einem Glas Sekt in der Hand gesungen habe.

Die Fahne blieb noch einige Tage hängen. Der Hausmeister hatte ein Einsehen. Wieder zurück vor dem Fernseher sahen wir weiter diese unvergeßlichen Bilder. Wir hatten zwei Berliner und einen im Sommer über Ungarn ausgereisten Schüler. Schnell war es beschlossen: „Wir wollen nach Berlin! JETZT!“ Ein abenteuerlustiger Fahrer fand sich auch recht schnell und so machten sich vier von unseren Schulkameraden noch in der Nacht auf den Weg. Sie kamen gegen 5 Uhr morgens in Berlin an. Da schlief noch keiner. Die Party dauerte auch den folgenden Tag noch an. Drei Tage später tauchten sie komplett übermüdet und strahlend wieder auf. Die Berichte über die Dauerparty Berlin mußten bis zum nächsten Tag warten.

Irgendwie ging der Alltag weiter, doch die folgenden 11 Monate bis zum 3. Oktober 1990 waren wohl die dichtesten in der jüngeren deutschen Geschichte. Der 9. November – für die Kirche übrigens der Weihetag der Lateranbasilika – erwies sich einmal wieder als ein Tag von historischer Bedeutung für unser Volk. Diesmal war es ein durch und durch freudiges Ereignis.

 

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