‏@nainablabla ist in bester Gesellschaft

nainatweet

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

twitterte am 10 Januar um 12:49 Uhr die 17-jährige Naina. Dieser Tweet bescherte ihr bislang über 5000 Follower, fast 6000 Retweets und 10.000 Favorsierungen für den oben zitierten Tweet.

Sie ist wahrlich in bester Gesellschaft. Ein gewisser Herr Sokrates twitterte einst im fünften vorchristlichen Jahrhundert:

οἶδα οὐδὲν εἰδώς

Leider ist die Zahl seiner Follower nicht mehr exakt festzustellen. Es ist auch nicht überliefert, wie oft dieser Satz retweetet.

Doch eines ist unbestritten. Herr Sokrates, der diese fundamentale Erkenntnis gewann, zu wissen nicht zu wissen, darf wohl mit Fug und Recht als der Vater der abendländischen Philosophie betrachtet werden. Sein Denken beeinflußt das Denken der Menschen bis heute.

Die Einsicht etwas nicht zu wissen, kann also der erste Akt der Erlangung von Wissen sein. Es gilt also zu lernen, die richtigen Fragen zu stellen.

Ohne Zweifel allerdings muß man Naina zugestehen, daß die Schule lebenspraktischer sein könnte. Wie funktioniert das mit den Versicherungen, der Miete, den Steuern und Abgaben? Wie funktioniert eine Bank? Warum kann man eine Waschmaschine auf Kredit kaufen, wenn man die Raten zahlen kann? Doch warum sollte man niemals einen Urlaub durch einen Kredit finanzieren?
Fähigkeiten und Fertigkeiten, die einen jungen Menschen alltagstauglich machen, gehören in die Schule, denn sie machen fit für das Leben.

Und wenn man das kann, dann stört es auch nicht, in 4 Sprachen Gedichte analysieren zu können.

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13 Responses to ‏@nainablabla ist in bester Gesellschaft

  1. Der Beobachter sagt:

    Unglaublich, welche Bildungschancen ein 17jähriges Mädel schon verpaßt haben kann.

  2. quer sagt:

    Ich glaube nicht, daß es noch Schulen gibt. Jedenfalls dann nicht, wenn man Bildungs- und Ausbildungsstand eines heutigen Abiturienten mit dem eines Realschülers der späten 50’er Jahre vergleicht.

  3. Jan Kaertner sagt:

    Nicht jeder kann altgriechisch. Das vorauszusetzen in einem Beitrag über Elfenbeintürme ist widersinnig, finden Sie nicht?

    • quer sagt:

      Finde ich. Aber das Beherrschen der eigenen Sprache inkl. ihres weiten Umfelds und ihrer Wurzeln wurde seinerzeit in der Realschule vorausgesetzt. Heute im Gymnasium auch? Kann ich aufgrund gemachter Erfahrung nicht so recht glauben. Können Sie das Nibelungenlied im Original lesen und verstehen? Ich schon.

    • Ich bin fast 28 und hab‘ keine Ahnung von Latein, Griechisch oder Hebräisch.

      Aber ich kann Google Translate benutzen. In 4 Sprachen!

      😉

      • quer sagt:

        Schön. Und was machen Sie wenn der Strom ausfällt?

        • Wenn der Strom ausfällt, kann ich auch katholon.de nicht aufrufen. Damit lese ich hier dann auch kein unübersetztes οἶδα οὐδὲν εἰδώς (oder οὐκ εἰδώς, das ist beides so eh nicht von Sokrates, wußten Sie das schon?). Es entfällt somit also der Anlaß, überhaupt Google-Translate aufzurufen. Problem gelöst.

      • Juergen sagt:

        Google hilft zwar Wörter in eine andere Sprache zu übertragen, aber der „Übersetzer“ zeigt nicht die Feinheiten und Freiheit, die sich Peter erlaubt hat, zum Ausdruck zu bringen, indem er „ouden“ (nichts) schrieb und nicht „ouk“ (nicht).

        😉

        • Schlaumeier sagt:

          Wenn der strom ausfällt geht mein smartphone tortzdem aber egal…

          • Der Beobachter sagt:

            Besonders schlau scheinen Sie, Herr Meier, ja nicht zu sein.
            Ich meine jetzt nicht Ihre Orthographie und Ihre verbesserungsfähige Zeichensetzung. Aber haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, was Ihr nächster Mobilfunksender bei Stromausfall macht?

          • Juergen sagt:

            Das Smartphone funktioniert nur so lange, wie das Funknetz irgendwoher mit Strom versorgt wird.

            Früher funktionierte bei Stromausfall auch der normale Fernsprecher des analogen Fernsprechnetzes. Aber heute?

            Aber noch ein Nachtrag zum Blogartikel.
            Ende November erschien in der Wirtschaftswoche ein Artikel, der sehr treffend mit »Bildung: Auf dem Weg in die Unwissensgesellschaft« überschrieben war.
            http://www.wiwo.de/erfolg/campus-mba/bildung-auf-dem-weg-in-die-unwissensgesellschaft/11009200.html

  4. WERNICHTFRAGTBLEIBTDUMM sagt:

    Auch ich halte es mit der sokratesschen Philosophie: Man/ frau sollte imstande sein, die richtigen Fragen in der entsprechenden Situation zu stellen. Bildung bedeutet, nicht im Detail zu wissen, sondern zu wissen, woher man sich entsprechendes Wissen holen kann. Das ist ein Grundsatz, den unsere Lehrerin uns als Schülern immer wieder eingehämmert hat. Wichtig ist auch, zur Erlangung von Wissen mehrere unabhängige Quellen zu nutzen, z.B. Fragen an Personen (oder Institutionen), einschlägige B Ü C H E R, und das Internet. Fazit: Man kann alles irgendwie nachlesen. Und das Lesen (mithin auch Verfassen jeder Art von Texten sowie auch der Umgang damit) ist eine Kulturtechnik und muss durch Schulen vermittelt werden. Diese Kulturtechnik ist der Schlüssel zur Erlangung jeglichen Wissens; die Quellen kann man sich ja aussuchen. Aber einfach zu sagen, ich hab‘ keine Ahnung ist ein bisschen zuuu einfach … .

    • Juergen sagt:

      Der Satz: „Man muß nicht alles wissen, man muß nur wissen, wo man nachschlagen kann“, ist heute zur Maxime der Bildung geworden: Es wird nur noch wenig Wissen vermittelt, aber viel Methodenlehre, wie man an Wissen kommen kann, wenn man es braucht.
      Aber ohne ein bestimmtes Grundwissen in Form von Faktenwissen geht es einfach nicht.
      Im oben verlinkten Artikel der Wirtschaftswoche wird es schön beschrieben:
      „333 bei Issos Keilerei“. Der Merkspruch von Generationen deutscher Gymnasiasten wird heutigen Schülern vermutlich unbekannt bleiben und bald nicht einmal mehr eine Anekdote sein. Man kann nun fragen: Ist das nicht wurscht? Einmal „Issos“ oder „333 vor Christus“ in die Suchmaske von Google eingeben, schon erfährt jeder ganz ohne Paukerei, wie das Heer Alexanders des Großen die Perser unter Dareios in Kleinasien in die Flucht schlug.

      Nur, was hilft der Wikipedia-Eintrag demjenigen, der noch nie etwas von Alexander, Dareios, Makedonen und Persern gehört hat? Jeder Satz des Eintrags wird ihn nur zusätzlich verwirren.

      Das gilt natürlich auch für alle anderen Wissensgebiete: Ohne ein Skelett an Faktenwissen ist es gar nicht möglich, sich über Detailwissen zu informieren.

      Und ich bezweifle inzwischen stark, daß dieses »Skelett an Faktenwissen« heute noch in den Schulen vermittelt wird.

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