Frontalangriff auf die Ehe?

Kardinal Marx

Kardinal Marx

Eine Besonderheit dieser Synode ist der Umgang mit den Statements der einzelnen Teilnehmer. Während auf früheren Synoden die Sala Stampa (Pressestelle des Vatikans) alle Statements der Bischöfe veröffentlichte und diese in der Regel sogar in mehrere Sprachen übersetzte, werden bei dieser Synode keine Statements zentral veröffentlicht.

Jeder Bischof kann allerdings mit seinem Statement machen, was er will. Einige stellen ihres irgendwo online. Einige geben ihres an Journalisten. Einige veröffentlichen gar nicht. Die deutschen Bischöfe veröffentlichen ihre Statements auf der Seite der DBK. So weiß man zumindest wo man diese nachlesen kann.

Heute wurde das Statement von Kardinal Marx auf der Synode veröffentlicht. Der Kardinal stellt unter anderem die Frage,

ob sexuelle Handlungen isoliert vom Lebenszusammenhang beurteilt werden können. Können wir sexuelle Akte in einer zweiten zivilen Ehe ausnahmslos als Ehebruch bewerten? Unabhängig von der Bewertung der konkreten Situation? Quelle.

Diese Frage stellt der Kardinal in den Zusammenhang mit der Frage der Zulassung von geschiedenen Eheleuten, die eine erneute zivile Partnerschaft eingegangen sind. Dabei spricht der Kardinal nur von einer zivilen Ehe. Partnerschaften, die nicht den Charakter einer zivilen Ehe haben, kommen nicht vor. Dabei besteht aus Sicht der Kirche hier keinerlei Unterschied, ob eine erneute Partnerschaft nach einer Ehe mit einem zivilen Trauschein versehen ist oder nicht.

Dem voran stellt der Kardinal den folgenden Gedankengang in, der hauptsächlich aus Fragen besteht:

Als Grund [für die Nichtzulassung zu Beichte und Kommunion PW] wird angegeben, dass zivil geschiedene und wiederverheiratete Gläubige objektiv in einem fortgesetzten Ehebruch und damit im Widerspruch zu dem leben, was in der Eucharistie zeichenhaft dargestellt wird, die Treue Christi zu seiner Kirche. Doch wird diese Antwort der Situation der Betroffenen gerecht? Und ist sie sakramententheologisch zwingend? Können Menschen, die im Zustand der schweren Sünde gesehen werden, wirklich das Gefühl haben, ganz zu uns zu gehören?

Dieser Fragenkomplex, ein solcher ist es ja und nicht etwa schon eine These oder eine Behauptung, wirft eine ganze Reihe weiterer Fragen auf. Gesetzt den Fall, man könne nach einer gewissen Zeit sexuelle Akte in einer zweiten Ehe vom Makel der Sünde gegen das sechste Gebot befreien. Ab wann? Nach fünf Jahren, nach 10 Jahren? Wo soll die Grenze liegen? Spielt es für die oben angedeutete Bewertung vielleicht eine Rolle ob aus der neuen Verbindung Kinder hervorgegangen sind? Wie viele müssen es sein? Reicht eins? Müssen es zwei oder drei sein?

So seltsam sich diese Fragen anhören, so in sich logisch sind sie doch, bleibt man innerhalb der Frage des Kardinals. Unter der Voraussetzung, daß man ein generelle Regelung schaffen will, ist es unumgänglich objektive Bewertungskriterien einzuführen, will man nicht Willkür Tür und Tor öffnen. Wer gut mit dem Pfarrer kann, der darf, wer nicht bleibt außen vor. Das wäre keine Lösung.

Der Rahmen läßt sich weiter ziehen. Warum grenzt man diese Sonderfälle auf das sechste Gebot ein? Warum bitte nicht auch das vierte, das fünfte oder das siebte? Und wenn es die Zweit“ehe“ betrifft, was ist mit der Dritt- und Viert“ehe“. Erlangen auch diese eine neue, höhere moralische Qualität, wenn man nur bestimmte Bedinungen erfüllt?

Denkt man die Fragestellung wirklich ganz zu Ende, muß man zu der Erkenntnis kommen, daß auch sogenannte Ehen ohne Trauschein zwischen verheirateten und unverheirateten Partnern in jeder nur denkbaren Konstellation zwingend entweder durch das Vergehen von Zeit oder aber die Geburt von Kindern ihre Qualität erreichen, die sie dann de facto mit der Ehe gleichstellen würden.

Man kann sich drehen und wenden, wie man will. Die Frage von Kardinal Marx positiv zu beantworten, wäre das Ende der Ehe als Sakrament, das Ende der Ehe als Kern der Familie und letztendlich das Ende des sechsten Gebots. Welchen Sinn sollte ein solches Gebot noch machen, wenn die die serielle Monogamie der unauflöslichen Ehe graduell gleichgestellt wäre.

Die Frage also, der man die Ernsthaftigkeit ja nicht absprechen sollte, hat Haken und Ösen, an denen man sich bei aller Vorsicht trotzdem nur verheddern und verfangen kann und letztendlich das Netz zerreißt. Implizit werden ja in rogativer Form von Kardinal Marx diese Thesen als Möglichkeit vertreten. Es hört sich gut an und das Mitleid mit den Menschen in gescheiterten Beziehungen, die erneut einen Menschen als Partner gefunden haben und nun (scheinbar) außen vor stehen, ist sicher groß. Dennoch handelt es sich, sollte der Coup gelingen um eine subtile Unterwanderung der katholischen Ehelehre. Das sollte man klar haben.

Es ist denkbar unwahrscheinlich, daß sich eine Mehrheit der Synodenväter diesen Fragestellungen so anschließt. Ebenso unwahrscheinlich erscheint es, daß diese Gedanken nach einer Ablehnung durch die Synode sang- und klanglos aus dem deutschen Episkopat und aus den Köpfen deutscher Verbands- und Gremienvertreter verschwinden werden. Spätestens im geplanten Familienschreiben der DBK werden diese Gedanken unterschwellig mehr oder weniger verklausuliert wieder auftauchen.

Einem katholischen Laien, der nicht im kirchlichen Dienst steht, kann das egal sein. Den Katechismus wird man dafür nicht umschreiben. Doch treibt mich um, wie schwer werden es Priester und Laien im kirchlichen Dienst haben, die später weiter eine katechismusgemäße Position zu Ehe und Familie vertreten und sich an subtilen Relativierungen und /oder Unterwanderungen nicht beteiligen wollen, wenn sie doch quasi von oben geboten sind. Es wird keinen klaren Verstoß gegen die  Lehre geben. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Die Gefahr liegt in der als pastoral verkleideten Aufweichung in der Praxis. Die Gefahr liegt in der Willkür der Auslegung. Wo keine Klarheit herrscht, ist der Willkür zwingend Tür und Tor geöffnet.

Keine Frage ist hingegen, daß die Zahl der gescheiterten Ehen ein Problem ist. Serielle Monogamie ist kein Ideal, es ist ein Symptom für eine Gesellschaft der Unverbindlichkeit und Verantwortungslosigkeit.

Der Synodenvater Bischof Bode, der dem Grunde nach ja in dieselbe durchaus kritikwürdige Richtung argumentiert und fragt, stellt allerdings eine sehr richtige und wichtige Frage:

Bieten wir ihnen eine gute und längere Ehevorbereitung an, einen Weg, den wir gemeinsam mit ihnen gehen?

Diese sollte er als Bischof seiner Diözese nicht nur stellen, sondern wirklich als Hirte beantworten und danach handeln. Könnte ja sein, daß das Bistum Osnabrück in zehn Jahren die geringsten Scheidungszahlen im ganzen Bundesgebiet hat. Wer kann das schon wissen?

Hier jedenfalls wird der Gaul mal von der richtigen Seite aufgezäumt und nicht erst versucht, ihn von hinten aufzuzäumen, wenn der schon längst gestrauchelt und gefallen oder durchgegangen ist.

Soll keiner sagen, man fände nicht auch bei den deutschen Synodenväter mal die eine oder andere gute Idee.

 

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