Ars moriendi zu Beginn des dritten Jahrtausends

Man könnte sich – hätte man denn noch welche – die Haare raufen, wenn man die derzeitige doch sehr unterschwellige Debatte um den assistierten Suizid ansieht. Da stehen vier Gesetzentwürfe im Angebot, von denen allerdings nur einer den Ansprüchen unseres Grundgesetzes genügt. Dieser ist jedoch eine Minderheitenmeinung unter den Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Der Gesetzentwurf von Sensburg/ Dörflinger/ Hüppe will den assistierten Suizid grundsätzlich verbieten. In den wenigen Veröffentlichungen dazu liest sich das allerdings so, als wollten ausgerechnet diese Abgeordneten dem Menschen ein vermeintliches Grundrecht bestreiten. Es geht um ein angenommenes Grundrecht auf einen selbstbestimmten Tod. Kurz gesagt: Jeder soll sich selber töten dürfen, wer das aus welchen Gründen auch immer nicht kann, soll Hilfe bekommen. Verkauft wird es – und viele, die z.B. auf Facebook kommentieren verstehen es so – als Selbstbestimmung.

Es ist wahr, jeder Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmung. Das garantiert unsere Verfassung und eben diese Selbstbestimmung über sein Leben(!) ist ein vorstaatliches Naturrecht eines jeden Menschen, das auch dann gilt, wenn es ein Staat nicht in seinem Rechtscodex explizit oder implizit garantiert. Es geht um Leben.
Zu dieser Selbstbestimmung und zur Möglichkeit dieses Recht wahrzunehmen, gehört nämlich unbedingt das Leben an sich. Nur wer lebt, kann über sich selbst bestimmen. Die Beendigung des Lebens hingegen führt die Selbstbestimmung geradezu ad absurdum, weil dieser Akt unwiderruflich jegliche Möglichkeit einer Korrektur der Entscheidung ebenso verunmöglicht, wie eine jegliche weitere und neue Ausrichtung in seinem Leben.

Es wird hier eine Selbstbestimmung postuliert, die selbstbestimmt die Selbstbestimmung an sich auslöscht. Ein Paradoxon, das sich beim besten Willen nicht auflösen läßt. Ein Paradoxon aber auch, welches massiv von den Protagonisten eines vermeintlich selbstbestimmten Sterbens bestritten wird.
Es ist eine Art Neonihilismus, die uns heutigen Menschen Glauben machen will, es gebe diese absolute Perspektiv- und Sinnlosigkeit, in der eine Selbsttötung nicht nur alternativlos, sondern auch noch ein Akt der Souveränität sei. Wo allerdings in einer Alternativlosigkeit die Souveränität verborgen sein soll, ist wohl deren bestgehütetes Geheimnis.

In Wirklichkeit – und das wird kein ernst zu nehmender Psychologe oder Psychiater bestreiten, ist Suizidalität der absolute Notfall, bei dessen Eintreten sofort angemessen zu therapeutisch zu intervenieren ist. Dies ist vor allem deshalb so, weil die Suizidalität nach Behebung ihrer Ursache – in vielen Fällen eine aus der konkreten Situation resultierende reaktive Depression – recht schnell vorüber ist. Sie endet genau dann, wenn es gelingt, mit dem Patienten eine neue Perspektive zu entwickeln. Sie tritt auch dann nicht zwingende wieder auf, wenn erneute negative Entwicklungen dies eigentlich nahelegten. Akute Suizidalität ist in der Regel auf einen sehr kurzen Zeitraum begrenzt und kann durch nur geringe Intervention dauerhaft beseitigt werden.

Allerdings kann eine latente Suizidalität durchaus weiter befördert werden, wenn man den Suizidwilligen dazu ermutigt. Wer dem Suizidkandidaten also „gut“ zuredet, kann dessen Suizidabsicht stabilisieren. Eine Assistenz im „richtigen Augenblick“ nimmt dem Suizidkandidaten auch noch die letzte Hemmung. Wo bitte ist da die Selbstbestimmung? Mehr fremdbestimmt geht eigentlich gar nicht mehr.

Das ist deutlich zu unterscheiden von einer echten Ars moriendi, die sich des eigenen Todes stets mitten im Leben stets bewußt ist, eine Haltung, die den Tod nicht ausblendet, aber akzeptiert, daß ein jeder Mensch seinen eigenen Tod sterben muß. Der Tod ist kein statisches Geschehen, es ist ein Akt mit vielen einzelnen Schritten des Loslassens von diesem Leben. Es sind Schritte, die gegangen werden wollen. Ob es nun die Versöhnung mit einem Angehörigen ist, ob es ein unverarbeitetes Geschehen in der eigenen Biografie ist oder ob es der Abschied im eigenen Tempo ist. Es kann auch der plötzliche Tod sein, bei dem der Patient nach Herzinfarkt ad hoc verstirbt. Jeder Mensch stirbt in seinem Tempo. Man kann seinen eigenen Tod nicht abkürzen, ohne sich selbst Gewalt anzutun. Ein Akt der Selbstbestimmung ist es ganz sicher nicht, Gewalt gegen sich selbst auszuüben. Schon geringere Neigung zur Selbstverletzung wird als therapiebedürftig angesehen. Um wieviel mehr dann eine Handlung oder auch nur eine Absicht, die zur eigenen Tötung geeignet ist.

In der abendländischen Tradition gibt es aber nun diese Ars moriendi, die Kunst zu sterben. Das mag sich morbide anhören, doch nur für Ohren, die sich dem Ende des irdischen Lebens verschließen. Es ist eine Sicht auf die Welt, die sich allein auf die Immanenz beschränkt und jegliche transzendente Realität ausblendet. Wer kein Leben nach dem Tod annimmt oder auch befürchtet, hat keinen Grund, sich der absoluten Vernichtung bei Unerträglichkeit des Seins zu verschließen. Das ist des Pudels Kern. Das ist auch der innere Kern, der uns diese lausige Debatte zum assistierten Suizid aufhalst: Ein Nihilismus neuer Art. Praktisch gewendet und auf Alltagsniveau heruntergebrochen bedeutet er am Ende nichts anderes als den Druck im Alter und bei Krankheit doch bitte rechtzeitig und sozialverträglich abzuleben.

Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

One Response to Ars moriendi zu Beginn des dritten Jahrtausends

  1. Hartwig Hofmeister sagt:

    Sie schreiben so ausführliche Artikel über ihren Glauben, dabei ist es so, dass ihr Glaube nicht mehr so gefragt ist. Das wollen wirklich nur die Wenigsten wissen. Ich muss dazu sagen, dass ich ab und zu ihre Artikel lese um meinen Glauben zu festigen. Das lesen ihrer Artikel schärft nämlich den Hausverstand gewaltig!
    Daher würde ich ihnen einen Vorschlag machen, setzten sie sich dafür ein, das es in der katholischen Kirche in Zukunft zwei Sektionen geben sollte.
    Eine sollte sich „Glaubensgemeinschaft der ewig Gestrigen“ bezeichnen und kann dort ihre Überzeugung den Gläubigen dieser Sektion näher bringen.
    Die andere sollte den Namen „Glaubensgemeinschaft mit Hausverstand“ bekommen.
    Dann würden sich die ganzen Streitigkeiten um des Kaisers Bart erübrigen.
    Sie könnten ihre Thesen verbreiten und zusehen können wie ihre Glaubensgemeinschaft immer kleiner werden würde. Da ja bekanntlich die Alten früher sterben als die Jungen.
    Während die andere Sektion immens zulegen würde, da sie endlich einen Glauben vertreten könnte die fast jedem Menschen einleuchtet. Ich wäre auf jeden Fall dort dabei! Denn die ewig Gestrigen haben mich dazu bewogen, diesen Verein zu verlassen.

  • © Alle Rechte vorbehalten 2005 - 2015