Ars moriendi zu Beginn des dritten Jahrtausends – Teil II

Ein Zitat aus der Regel des Heiligen Benedikt lautet:

Den eigenen Tod stets vor Augen haben.
Mortem cotidie ante oculos suspectam habere. RB 4,47

Das Zitat stammt aus den Werkzeugen der geistlichen Kunst und bedeuet, daß der Mönch seinen Tod stets als gegenwärtig ansehen soll, denn er kann ihn zu jeder Stunde ereilen und dann steht der Mönch vor seinem ewigen Richter.

Theresia Maria von Fürstenberg Portrait meiner Nichte

Theresia Maria von Fürstenberg
Portrait meiner Nichte
(Mit freundlicher Erlaubnis der Künstlerin.)

Das nebenstehende Bild der Künstlerin Theresia Maria von Fürstenberg zeigt eine junge Frau in der Blüte ihres Lebens, sozusagen an der Schwelle zum Erwachsenenalter, die mit gesenkten Augen aber einem unglaublich schönen und gelassen ruhig wirkenden Ausdruck sehr ernsthaft auf den Tod, repräsentiert durch den Schädel, schaut. Auf den zerknitterten Zettel steht eben dies Zitat aus der Benediktsregel. Beides, der Totenschädel und der Zettel, verbauen dieser jungen Frau nicht etwa ihre Lebensperspektive, vielmehr eröffnen sie ihr diese geradezu erst wirklich. Sie geben eine Deutungsperspektive. Der Tod ist nicht der Feind, er ist nur der Freund, der am Ende des Weges wartet. Er steht dort und wartet geduldig, bis der Mensch seinen ganz persönlichen Weg beendet hat.

Dieser Weg mag noch lang sein oder ganz kurz. Es ist des Menschen ureigener Weg und es ist gut, den Freund am Ende des Weges schon einmal zu kennen, damit man ihn zur rechten Zeit willkommen heißen kann. Nicht zu früh und nicht zu spät. Man muß nicht zu jeder Zeit an ihn denken. Es reicht ihn zu kennen und vor Augen zu haben.
Ars moriendi, das hat etwas mit einem erfüllten Leben zu tun und ist Bestandteil einer wahren Ars vivendi, der Kunst zu leben.

Es ist geradezu ein Geniestreich der Künstlerin, diese junge ausgesprochen hübsche Frau in dieser Weise abzubilden. Ars moriendi und ars vivendi hängen untrennbar zusammen. Das eine geht nicht ohne das andere.

Und so mag nun diese junge Frau auf dem Bild für viele Menschen die Botschaft sein, daß der Tod eine Wirklichkeit mitten im Leben ist und eben auch mitten im prallen Leben. Man wünscht es ihr, dieses pralle Leben in seiner vollen Schönheit viele Jahre genießen zu können.

Dieses Bild, das in unserer Zeit fast absurd wirken will, wo wir gerade in diesen Tagen über assistierten Suizid reden, zeigt, wie sehr Leben und Tod ineinander fallen und sich bedingen. Es zeigt aber auch, daß der Tod seinen zeitlichen Ort im Leben eines jeden Menschen hat, nämlich genau am Ende des irdischen Lebens.

Mit seinem Rat „Den eigenen Tod stets vor Augen haben.“ will Benedikt dem Mönch den Weg öffnen, nicht schließen.
Und der Weg ist der zum Leben.

Und wer könnte die Schönheit des Lebens besser vor Augen führen, als eine schöne junge Frau?

Es ist hoch an der Zeit, diese Ars moriendi neu zu erlernen.

Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Die Kommentare sind geschlossen.

  • © Alle Rechte vorbehalten 2005 - 2015